Trainer-Fortbildung: „Dressur trifft Working-Equitation“
Vor rund fünfzehn Jahren glaubte niemand, dass ein solches Thema es einmal auf das Programm der offiziellen FN-Fortbildungen schaffen könnte. Schließlich wusste damals kaum jemand, was Working Equitation ist. Und wenn jemand diese Disziplin im Reiten kannte, wurde sie oft ein wenig schief belächelt, nach dem Motto, „So kann man sein Pferd auch mal bespaßen“. Inzwischen hat sich das Bild verändert. Mittlerweile wissen viele Reiter, welche Exaktheit und reiterliches Können beispielsweise im Trail-Parcours verlangt werden. Beim Reit- und Fahrverein Aar-Niederweidbach zeigten Rolf Petruschke und Tanesha Marie James im praktischen Teil einer Trainer-Fortbilung die Schwierigkeiten und die Verbindung und Vorteile zwischen Dressur und Working Equitation auf.

„Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Dressur und Working Equitation. Die präzise Ausführung des Trail Parcours fördert die Punkte der klassischen Ausbildungsskala und das Überwinden der Hindernisse stärkt das Vertrauen von Pferd und Reiter“, so Rolf Petruschke, der diesen Lehrgang gemeinsam mit Tanesha Marie James leitet. Der Name Petruschke ist eng mit dem klassischen Dressur- und Springreiten verbunden. Lange Jahre war der Pferdewirtschaftsmeister Leiter der Landesreit- und Fahrschule in Dillenburg, wurde dann Berufsschullehrer für Pferdewirte und Bereiter an der Hochtaunusschule Oberursel und arbeitete an der Entwicklung der APO 2020 mit. Heute ist er als gefragter Ausbilder, Lehrgangsleiter, Referent, Richter in Dressur bis Kl. M und Springen bis Kl. S sowie als Prüfer zur Abnahme von Trainerprüfungen bundesweit unterwegs.
Tanesha Marie James war, so sagt sie, „eigentlich Dressur-Reiterin“. Zum Working Equitation kam sie durch ihre Arbeit als ‚Working Student‘ bei Nuno Avelar, dem früheren Trainer der Deutschen Working Equitation Equipe. Tanesha, die ihren Reinzucht-Haflinger Armageddon in klassischen Dressurprüfungen bis zur Klasse M förderte, berichtet, dass sie zunächst gar keine sportlichen Ambitionen im Working Equitation hatte. „Ich habe das nur mal ausprobiert, um meinen Pferden ein wenig Abwechslung zu verschaffen,“ erzählt sie ‚Stallgeflüster‘. Dennoch startete die junge Frau das eine oder andere Working-Turnier und betreibt diesen Sport seit rund drei Jahren ernsthaft u.a. auch auf internationalen Turnieren. Inzwischen reitet sie im in dieser Disziplin bis zur Klasse S und arbeitet als Trainerin für Dressur und Working Equitation in Süd-Hessen.
Als ‚Stallgeflüster‘ in der Reithalle in Niederweidbach eintrifft, hat der Lehrgang bereits begonnen. Rund zwanzig bis dreißig Lehrgangsteilnehmer haben auf den am Rand der Reithalle aufgebauten Stuhlreihen Platz genommen. Davor aufgebaut ist ein Trail-Parcours, der weitgehend alles enthält, was auch in der Realität auf einem WE-Turnier gefordert wird. Da gibt es die Tonnen, die sowohl rechts als auch links herum umrundet werden müssen, einen Parallel-Slalom, ein Tor das geöffnet werden muss, ein Holzsteg, die Glockengasse, in die vorwärts hineingeritten wird und nach kurzem Stehen rückwärts wieder hinaus. Auch eine Garrocha ist vorhanden, ebenso wie der Ring, der von denen, die bereits geübt haben, damit gestochen werden muss.
Das erste Reiterpaar vom RFV Aar-Niederweidbach, das wir beobachten dürfen, kommt mit einem Pony und einem Großpferd in die Halle. Ihre Haupt-Aufgaben: Den Holzsteg überwinden und das Tor öffnen und schließen. Tanesha übernimmt die Aufgaben- und Hilfestellungen im Parcours – Rolf Petruschke erklärt Hilfestellungen und Pferdereaktionen. Bei den beiden Reiterinnen gibt es keinen Grund zur Kritik. Obwohl das Pony sehr klein ist, gelingt es der Reiterin nach kurzer Zeit das für sie recht hoch angebrachte Tor nahezu ohne Hilfestellung zu öffnen, hindurchzureiten und hinter sich wieder zu schließen. Petruschke weist dabei auf die korrekten Vorderhand-Wendungen hin, die hier für den Erfolg erforderlich sind. Und erklärt den Zuschauern sicherheitshalber noch einmal, dass hier so unterschiedliche Pferderassen absichtlich ausgesucht wurden, da dies den Realitäten im Working Equitation entspricht. Denn hier sind alle Rassen gleichermaßen vertreten und erwünscht.
Tanesha erklärt die Herkunft dieses Hindernisses: „Working Equitation ist aus der südeuropäischen Arbeitsreitweise entstanden. Dort müssen die Rinderhirten mit ihren Pferden öfter mal ein Tor öffnen und auch wieder schließen, denn sonst laufen die Rinder davon. Nahezu jedes Working-Hindernis beruht auf Erfordernissen, die sich aus dem praktischen Arbeitsalltag eines Rinder-Hirten ergeben.“
Danach geht’s zum Holzsteg. Ungewohnter, lauter Boden – für manches Pferd ein Gräuel. Doch eine ruhige, geduldige Anweisung, wie der Steg angeritten wird und siehe da, schon klappt’s beim Pony und danach auch völlig problemlos beim Großpferd. Petruschke weist vor allem auf die Dehnungshaltung der Pferde im Rücken hin. Denn beide Pferde betrachten den neuen Weg zwar entspannt, aber doch sehr genau.
Für das darauffolgende Reiterpaar sind die im Trail aufgestellten Hindernisse nicht so ganz neu. Beide haben mit ihren Haflingern schon erste Schnupper-Erfahrungen in einem Solchen Parcours hinter sich. Sie dürfen dann auch sofort Teile des Trail zunächst im Schritt, danach im Trab absolvieren. So z.B. die Volten um die Tonen, erst rechts, dann links, korrekt geritten – denn die Tonnen bieten Pferd und Reiter eine visuelle Hilfe. Danach der Slalom. Hier werden Schlangenlinien und Übergänge verlangt, korrekte Stellung und Biegung. „Das fördert die gleichmäßige Gymnastizierung des Pferdes auf beiden Seiten“, kommentiert Petruschke. Auch hier wird deutlich, dass die Slalom-Stangen Orientierung bieten. „Das Pferd sieht eine Aufgabe, die es zu bewältigen hat“, meint Petruschke und stellt fest, dass die vier Probanden alle, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt hatten, deutlich gelassener waren, als zuvor.
Alles in allem: Das war nicht nur ‚Stallgeflüster‘ ein interessanter und lehrreicher Blick über den Tellerrand der klassischen Reitdisziplinen. Auch die Fragen und Reaktionen der Teilnehmer vermittelten den Eindruck, dass hier Verständnis und neuer Input angekommen waren.
„Stallgeflüster“ / E. Stamm



