Rücksichtnahme und Höflichkeit kosten nichts, dienen aber einem entspannten Miteinander
Vor einiger Zeit kam ich während einer Reportage in einen Stall, der war vollgepflastert mit Schildern: Vor Betreten der Halle ist „Tür frei“ zu rufen und abzuwarten bis jemand „Tür frei“ antwortet,“ ein anderes: „In der Halle gilt Helmpflicht“, das nächste: „Nehmt Rücksicht auf Reitanfänger“, „Hunde sind an der Leine zu führen“, etc., etc.
Dieser Schilderwald wirkte tatsächlich ein wenig befremdlich – doch als ich dann ein weiteres Schild im Reiterstübchen entdeckte, mit dem sich der Hofbesitzer ganz offensichtlich über den eigenen Schilderwald lustig machte: „Hier auf dem Hof ist alles verboten, was nicht ausdrücklich auf einem Schild erlaubt ist“, stimmte mich dies ein wenig nachdenklich.

Ist es nicht selbstverständlich, dass gerade im Reitsport Höflichkeit zu den obersten Geboten zählt? Denn viele eigentlich selbstverständliche Regeln sind noch nicht einmal eine Frage der Höflichkeit, sondern dienen vor allem der Sicherheit für alle Beteiligten. So beispielsweise die für alle zu hörende Frage „Tür frei bitte“ vor dem Betreten einer Reithalle. Schließlich ist es nicht ganz ungefährlich, wenn plötzlich jemand eine Bandentür öffnet, die aus seiner Position nicht einsehbare Halle betritt, während ein anderer gerade im Mittelgaloppunterwegs ist. Dazu gehört natürlich auch, dass alle, die in der Halle unterwegs sind, diese Frage auch hören können. Jemand, der Ohrstöpsel trägt und gerade etwas anderes hört, wird dazu eventuell nicht in Lage sein.
Als ich kurz über das ‚Miteinander‘ in der Reithalle nachdenke, fällt mir eine unsichere, ängstliche Reiterin ein, die mir einmal gestand, dass sie sich nicht in die Reithalle traut, wenn da andere im Galopp an ihr ‚vorbei zischen’. Ich hatte vor vielen Jahren einmal gelernt, dass Rücksichtnahme auf Schwächere das oberste Gebot in der Reiterei ist. „Der bessere Reiter weicht aus“ lautete damals die Regel, nach der sich alle gerne richteten – schließlich wollte man ja ein besserer Reiter sein. Dabei gehört es auch für den weniger guten Reiter zum guten Ton, einen Besseren, der offensichtlich gerade eine Lektion reitet, nicht im Training zu behindern. Gegenseitige Rücksichtnahme und ausreichender Abstand können durchaus zu einem entspannten Miteinander in der Reithalle führen – sowohl für einen unsicheren Reiter als auch den ‚Profi‘.
„Wenn die Leute sich nicht so sonderbar verhielten, bräuchten wir nicht so viele Schilder“, erklärt mir der Hofbesitzer ein wenig resigniert. Da hängt übrigens auch ein Schild: ‚Hier grüßt jeder jeden‘ und ein weiteres Schild ‚Bitte abäppeln‘. Klar das Abäppeln gehört nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen. Aber wir alle haben ein großes Interesse daran, unsere Pferde auf möglichst guten Böden zu arbeiten. Ist es da nicht im Interesse jedes Einzelnen, dass er, bevor er Halle oder den Platz verlässt, noch einmal zum Äppelboy greift und dafür sorgt, dass die Bodenqualität möglichst lange erhalten bleibt? Viele Äppel auf Boden, die eingetreten werden, vermindern diese Qualität. So kann es im eigenen Interesse sicherlich kein Problem sein, auch die Hinterlassenschaften eines anderen Pferdes gleich mit weg zu räumen. Und über ein nettes Dankeschön, das niemanden etwas kostet, freut sich der „Abäppler“ dann mit Sicherheit auch.
Reiten ist für die meisten von uns eine Freizeitbeschäftigung. Sie soll uns von Hektik und Stress im Berufsleben entspannen. Doch wie soll das funktionieren, wenn jeder darauf setzt, dass ‚lästige Aufgaben‘ von anderen übernommen werden, der, der weniger Angst hat, die Vorfahrt behält? Da halte ich es doch lieber mit den alten Höflichkeitsregeln, Rücksicht, lieber defensiv als aggressiv und im Zweifelsfall, lieber mehrere Meter Abstand mehr. Und habe ich es mit Menschen zu tun, die diese Regeln ebenfalls berücksichtigen, ist das Leben zumindest in der Freizeit mit meinem Pferd äußerst entspannt. Schilder sind dann nicht mehr notwendig.
„Stallgeflüster“ / E. Stamm



