Die Zukunft im Pferdesport?
Dass der Umgang mit Tieren von Vorteil für die kindliche Entwicklung ist, ist heutzutage nahezu unbestritten. Immer häufiger werden Haustiere in Kindergärten und Schulen eingesetzt. Die Interaktion mit Tieren soll helfen, Lernprozesse zu fördern sowie emotionale und soziale Fähigkeiten stärken. In früherer Zeit wuchsen Kinder nahezu selbstverständlich mit oder neben Tieren auf – selbst in der Großstadt gab es Bereiche, in denen Kinder diesen Kontakt erleben konnten.
Die Zeiten haben sich geändert. Immer häufiger ist in den Medien die Rede davon, dass Tierheime überlastet sind. Wo es früher um Hunde und Katzen ging, geht es inzwischen auch um das Pferd. Erst kürzlich berichtete der WDR von einer Pferdenothilfe, die mittlerweile um die fünfzig Anfragen pro Tag erhält, früher waren es rund fünfzig im Monat. Der Grund: Zu hohe Kosten für Tiere, die durch Krankheit oder Alter die finanziellen Möglichkeiten ihrer Besitzer überfordern.
Gleichzeitig liest man, dass Reitschulen ihre Angebote mit Schulpferden reduzieren – die alt gewordenen vierbeinigen Lehrmeister gehen in den Ruhestand und Nachwuchs will man nicht anschaffen. Der Grund: Zu wenige interessierte Reitschüler, die dann auch dieses Hobby ernsthaft betreiben und dabeibleiben.
Begleitend dazu stellen die Pferde-Zuchtverbände einen deutlichen Geburten-Rückgang während der letzten Jahre fest. Die FN beziffert den Rückgang an Fohlen mit rund 10 Prozent für das Jahr 2024 – der Trend ist weiter rückläufig, so die FN. Der Grund: Gestiegene Kosten bei Geburt und Aufzucht, sowie Unsicherheit, ob diese wieder eingespielt werden können.
Hoffnung für den Pferdesport?
„Stallgeflüster“ sprach über dieses Thema mit Sepp Gemein. Er ist seit 30 Jahren Landes-Trainer des Rheinlandpfälzischen Jugend-Kaders und hat zahlreiche Kaderreiter auf ihrem Weg begleitet, hin zu Bundeskader, Goldenen Reitabzeichen, Nationenpreisen und Meistertiteln. Auch er sieht die Probleme, die sich im vor allem im Reitsport während der letzten Jahrzehnte entwickelt haben. Er verliert trotz vieler Negativ-Meldungen in den Medien nicht den Mut. Stattdessen sagt er: „Wir müssen den Nachwuchs noch früher abholen und Kinder an die Pferde bringen.“
Doch wie soll das gehen, wenn Eltern oft in diesem Hobby wenig Sinn sehen und die Kosten für den Unterricht scheuen? „Da ist Aufklärungsarbeit wichtig“, meint Gemein und zählt kurz auf, welche Vorteile vor allem der (Pferde-)Sport Kindern bringt.
„Sportler bringen wertvolle Eigenschaften wie Disziplin, Durchhaltevermögen, Zielstrebigkeit, Stressresistenz und Teamfähigkeit mit, die im Berufs- und Gesellschaftsleben durch Selbstkontrolle, Belastbarkeit, Fokus, Problemlösungskompetenz und Kooperation zum Erfolg führen; sie sind zudem oft körperlich fitter und resilienter, was Energie und Wohlbefinden steigert. Sie können auch als Vorbilder dienen und Gemeinschaft fördern.
Sport fördert das Gemeinschaftsgefühl, den sozialen Zusammenhalt.
Sport fördert die soziale Kompetenz, Empathie und das Verständnis für andere (Teamkollegen), die sich übertragen lassen.
Sportler fördern durch ihre Lebensweise eine gesunde Einstellung zur Bewegung.
Darüber hinaus haben Sportler psychologische Vorteile, wie beispielsweise eine hohe emotionale Stabilität. Denn Sport setzt Endorphine frei, was Stimmungsschwankungen entgegenwirkt und das Wohlbefinden steigert.
Dazu kommt ein starkes Selbstwertgefühl, denn das Erreichen von Zielen stärkt das Selbstvertrauen.
Auch der Umgang mit Niederlagen, die jeder Sportler ab und zu erlebt, die richtigen Lehren daraus ziehen, stärkt ebenfalls das Selbstwertgefühl. Es ist immer wichtig, einmal mehr aufzustehen, als hinzufallen.
Im Schul-/Berufsleben fördert er Disziplin und Selbstkontrolle denn das Einhalten von Trainingsplänen überträgt sich auf Arbeitsstrukturen und Fristen.
Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit ermöglichen auch in Schule und Beruf konsequentes Arbeiten an Zielen. Dabei spielt die Fähigkeit, sich auf Aufgaben zu konzentrieren und Zusammenhänge zu erfassen eine entscheidende Rolle für Erfolg.
Auch die Routine im Umgang mit Druck und schnelles Bewerten von Situationen hilft im Alltag.
Besonders Teamsportler lernen effektiv zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren.
Und natürlich spielt auch die körperliche Fitness mit mehr Energie und Ausdauer für schulische oder berufliche Herausforderungen eine wichtige Rolle.“
Natürlich sieht ein Mann wie Gemein nicht nur die Vorteile, die der Sport mit sich bringt, sondern setzt sich auch mit den Problemen seiner ihm anvertrauten Schüler auseinander. „Das Hauptproblem ist die Zeit“, meint er. Wenn Kinder bis nachmittags um 16.00 Uhr in der Schule sitzen, danach noch Hausaufgaben erledigen müssen, fehlt die Zeit für andere Aktivitäten. Darunter leidet vor allem bei ambitionierten Sportlern das Training.“
Schule und Sport
Das ist für Gemein eines der wichtigsten Themen mit denen er sich auseinandersetzt. Auch hier hat er sich Gedanken gemacht, wie man die Dinge positiv verändern kann. So schlägt er eine früher Talentsichtung z.B. schon in der Grundschule – sportartübergreifend – vor.
Frühzeitiges heranführen über Schulsporttage zu den verschiedensten Sportarten. Evtl. durch Spezifikation, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Dazu gehören Multiple Angebote.
Bereits im Kindergarten und in der Vorschule sollten die Kinder abgeholt werden zum Schnuppern. Wichtig ist dann das Heranführen an die jeweilige Sportart.
Für den Pferdesport bedeutet das, das vertraut machen mit dem Pferd, die Scheu verlieren. Streicheln, putzen, etc. und mit dem Steckenpferd ( Hobby Horsing ) erste Strukturen spielerisch kennenzulernen. Reiten beginnt dann zumeist erst ab 6 Jahren.
Mehr Flexibilität, Befreiung – Schule, Ganztagsunterricht
– Leistungssport
„Wir haben vielfach das Problem, das unsere Reiter zu wenig Zeit haben, um ihren Sport auszuüben, genauso wie auch in vielen anderen Sportarten.
Die verbleibende Zeit für Training nach der Schule ist meist zu kurz, wodurch wir auch einen Rückgang der sportlichen Leistungen zu verzeichnen haben. Daraus folgt: Keine gute Leistung, keine Förderung, kein Leistungssport. Hier muss eine andere Zielsetzung erfolgen – es gilt Anreize zu schaffen, wie z.B. Freistunden bei guter schulischer Leistung, das ist das Leistungsprinzip.“
„Dazu ist eine Priorisierung der in der Schule zu erbringenden Leistungen notwendig, die Aufspaltung und Gewichtung zwischen Haupt- und Nebenfächern. Schreibt ein Schüler in den Hauptfächern gute Noten, kann er sich Freistunden für sein Sport-Training erarbeiten, das dann Punkte in einem Nebenfach ersetzen könnte.
Das bedeutet eine Motivationsverbesser-ung beim Schüler, der dann gewillt ist, positiver mitzuarbeiten, weil es ihm zugutekommt. Darüber hinaus könnte ein solches System dazu beitragen, die eigene Organisationsfähigkeit zu verbessern – auch eine Fähigkeit, die im späteren Leben von Nutzen ist.“
„Stallgeflüster“ bedankt sich ganz herzlich für das Gespräch, in dem Sepp Gemein seine Gedanken und Visionen für eine hoffnungsvolle Zukunft unseres schönen Sports mit uns geteilt hat.



