Hut ab vorm Fahrsport Der feine kleine Unterschied: Kutsche oder Wagen?
Der Transport von Lasten – er gehört zu den ältesten Aufgaben, die unsere vierbeinigen Freunde, die Pferde, zu bewältigen hatten.
Denn, was wäre der Mensch vor der Erfindung des Motors (vor 150 Jahren) gewesen, wenn er nicht Pferde für Transport-Aufgaben gehabt hätte.
In unserer modernen Gesellschaft hat die Nutzung des Pferdes für diesen Zweck an Bedeutung verloren. Zwar gibt es noch einige autofreie Nordsee-Inseln, auf denen Waren, Güter und Gäste mit Pferde-Wagen transportiert werden, doch das ist für die Besucher dieser Inseln wie eine Reise in eine längst vergangene Zeit.
Heute gilt Fahren stattdessen hauptsächlich als eine Disziplin im Pferdesport, die zwar – wie man in der Frankfurter Festhalle in den vergangenen Jahren feststellen konnte, das Publikum zu Begeisterungsstürmen veranlasste – doch der Fahrsport hat mittlerweile Nachwuchsprobleme.
Fahren ist eine überaus aufwändige Disziplin im Pferdesport. Hier ist nicht nur ein Pferd mit Sattel zum Turnierplatz zu bringen, sondern das gesamte Equipment. Dazu gehören u.a. Helfer für das Anschirren der Pferde, geeignete Fahrzeuge für den Transport von Kutschen und Pferden, das Suchen und Finden eines passenden Beifahrers etc. Kurzum: „Fahren ist ein Team-Sport für die ganze Familie“, so einmal die Mutter einer jungen Nachwuchsfahrerin gegenüber „Stallgeflüster“. Trotzdem das Fahren inzwischen hauptsächlich als Sportart betrieben wird, steht es noch immer in einer langen Tradition, die auch auf den modernen Turnierplätzen zu erkennen ist: Für Gelände- oder Vielseitigkeitsprüfungen nutzt man einen so genannten Marathon-Wagen, für Dressur-Prüfungen eine Kutsche. „Stallgeflüster“-Redakteur Victor Horatczuk aus Wien fand das Thema so interessant, dass er für Sie die Entwicklung der unterschiedlichen Wagentypen einmal genauer in Augenschein genommen hat.
Die Geschichte des Gespannfahrens beginnt mit der Erfindung des Rades ca. 4.000 – 3.500 v. Chr. In den großen frühnahöstlichen Kulturen, in Mesopotamien, Ägypten und den Steppenvölkern entstanden die ersten zwei- und vierrädrigen Karren ab ca. 2500 v. Chr, gezogen von Eseln. Pferde-Streitwagen, die sowohl im Transport als auch in der Kriegsführung verwendet wurden sind um 2000 v. Chr. in der asiatischen Steppe nachgewiesen.
Aus dieser Zeit stammen auch die frühesten Belege in dieser Gegend für das Reiten auf Pferden. Somit ist das Gespann-Fahren wahrscheinlich älter als Reiten. In der Geschichte der antiken Großreiche lassen sich folgende Unterschiede erkennen: die Römer und indischen Gupta entwickelten gemischte Systeme aus Reiterei und Wagen, die Parther/Perser waren eine fast reine Reiterkultur (berühmt für den „parthischen Schuss“, d.h. Rückwärtsschuss mit Pfeil und Bogen im Galopp sowie ihre schwere Kataphrakten, gepanzerte Pferde und Reiter), während sich China vom frühen Streitwagenstaat zum Kavallerie-Imperium wandelte.
Bereits in der Spätantike differenzierten sich Wagen- und Kutschenformen stark nach Funktion: von einfachen Lastkarren über Post- und Reisegefährte bis zu repräsentativen Kutschen des Adels. Bezeichnungen wie carruca (für Luxus- und Fernreise), carpentum (zweirädriger Zeremonialwagen) oder rheda (einfache Reise und Transportwagen), aber auch das plaustrum (schwerer Ochsen-Lastwagen) zeigen die frühe, vielfältige Entwicklung auf. Besonders bemerkenswert ist die römische Praxis, Fahrwerke mit Leder- oder Metallschlaufen aufzuhängen, um den Fahrkomfort zu erhöhen.
Eiserne Drehkränze („Drehschemel“) für Pferdewagen setzten sich ab dem 15.–16. Jahrhundert durch, während Blattfedern erst ab dem späten 17. Jahrhundert entwickelt und im 18. Jahrhundert allgemein verwendet wurden. Der vorletzte Innovationsschub erfolgte aufgrund der Massenheere des 19. Jh. In Form von Munitions- bzw. Artillerie-Caissons der Artilleriezüge, der Feldküchen, Ambulanzwagen (Larreys System: schnelle zweirädrige Gicks mit standardisierter Ambulanzausrüstung von Baron Dominique Jean Larrey, um 1800), Bagagewagen und sonstiger Fahrzeuge der Train-Truppe.
Im 18. und 19. Jahrhundert entstand ein Trend zu besonders leichten, schnellen Ein- und Zweipersonenwagen für Sport, Jagd oder persönliche Mobilität. Der Phaeton (oft sehr leicht gebaut, mit großen Rädern und offener Konstruktion) wurde zur Symbolik von Risiko und Geschwindigkeit, sein Name verweist auf den mythologischen Phaëthon. Der Sulky (ein leichter Einsitz-Zweirad-Wagen) entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum Standardgerät des Rennsports im Pferdesport. Die moderne Form des Sulkys mit fahrradähnlichen Rädern und pneumatischen Reifen entstand im 20. Jahrhundert; das Prinzip bleibt aber das eines minimalen, aerodynamischen Fahrzeugs für schnellen Zug durch ein einzelnes Pferd.
Die Begriffe „Kutschen“, gefedert und gedeckt oder „Wagen“ werden heute fließend verwendet. Früher verstand man unter dem Begriff „Wagen“ eher ein Gefährt, ungefedert und ohne Verdeck. Zu letzteren gehören Sulkys und Marathonwagen für den Renn- bzw. Fahrsport sowie Kremser als geräumige, gefederte Planwagen mit Längsbänken an beiden Seiten. Zu ersteren die Landauer mit Vis-à-vis-Sitzen (z.B. die Wiener Fiaker), Gigs, einspännige, zweirädrige offene Kutschen/Wagen mit Gabeldeichsel. Den jeweiligen Fahrzeugtypen kann man meist auch bestimmte Fahrstile zuordnen, so den Ungarischen Fahrstil zum „Sandläufer“, einem leichten, niedrigen Wagen mit zwei Sitzbänken hintereinander in Fahrtrichtung.

Der Wiener Fahrstil als klassisch-elegantes Fahren mit Landauern repräsentiert den Gegensatz zum wettkampfmäßigen Fahren mit gefederten Turnierwagen (Dressur-, Marathon- und Hinderniswagen). In Europa existiert noch ausreichend handwerklicher Kutschenbau und entsprechende Sattlereien in meist kleineren Manufakturen. Die Kosten für Wagen inklusive Geschirre beginnen im niedrigen fünfstelligen Eurobereich.
Obwohl auch die modernen Wagen meist den traditionellen Vorbildern längst vergangener Jahrhunderte nachgebildet sind, ist die Technik, mit der sie ausgestattet werden können, überaus modern. Höhenverstellbare Sitze, spezielle Federungen und modernste Bremssysteme gehören heute zur Sicherheitsausstattung, die bei speziellen Modellen noch durch Sitzheizung und Navigationssystem ergänzt werden können.
© Fotos: Kutschenhandel Sachsen
Dr. Viktor Horatczuk / E. Stamm



