Herzensangelegenheit: Das pferdemaulfreundliche, individuelle Gebiss
Vor vielen Jahren, als ich meine ersten Reitstunden nehmen durfte, lernten wir, wie man das Pferd trenst und das Reithalfter nach der ‚zwei-Finger-Regel‘ verschnallt. Damals, in den 60er Jahren handelte es sich bei unseren Schulpferden um Hannoveranische Reithalfter, das Gebiss war eine einfach gebrochene Wassertrense.
Mit zunehmendem Wissen bzw. neuen Untersuchungsmöglichkeiten rund ums Pferd, aber auch gestiegenen sportlichen Anforderungen sowie vielen Diskussionen um tierschutzrelevante Aspekte brachten die Hersteller von Pferdezubehör immer mehr neue Produkte auf den Markt. Reithalfter verschiedenster Art, von englisch über schwedisch oder mexikanisch – teilweise kombiniert oder einfach – anatomisch geformt oder auch nicht. Jedes von ihnen hat eine andere, teilweise spezielle Wirkung auf Nacken und den Gesichtsraum des Tieres.
Hinzu kommen natürlich die unterschiedlichsten Formen der inzwischen neu entwickelten Gebisse. Auch hier herrscht eine Vielfalt, die für den ‚Otto-Normal-Verbraucher‘ unter den Reitern kaum noch zu durchschauen ist. So bekam die Redakteurin von ‚Stallgeflüster‘ ganz lange Ohren, als sie von einer professionellen Gebissberatung hörte. „Mit dazu setzen, Mäuschen spielen, gut zuhören und anschließend berichten“, ging der Redakteurin durch den Kopf. Gedacht, Kontakt hergestellt, gefragt – und gemacht. So geht das üblicherweise. Doch nicht hier.
Bereits bei der ersten Kontaktaufnahme riet uns Christina Krajewski, die sich seit Jahren dem Thema widmet, vor der eigentlichen Gebissanprobe mit Beratung an einem ihrer Webinare zum Thema teilzunehmen. Doch, wie das so ist bei einer Redakteurin: Der Termin passte nicht so wirklich in den Alltag.

Also zurück zu Plan 1: Dazusetzen, zuschauen, mithören. Pünktlich zum Ortstermin versammelten sich alle Beteiligten in der Reithalle. Der Reiter, der um die Beratung gebeten hatte, sein Pferd gesattelt und getrenst, Christina Krajewski mit einem Schreibblock und schließlich die unbeteiligte Redakteurin von ‚Stallgeflüster‘, bewaffnet ebenfalls mit Schreibblock und Kamera.
Eine größere Diskussion, wie zunächst erwartet, gab es hier nicht. Christina Krajewski schaute sich lediglich das vorhandene Gebiss (doppelt gebrochene Wassertrense) an, bemerkte dazu, dies sei ja nicht ganz pferdeunfreundlich und bat den Reiter ein wenig vorzureiten. Vor allem Übergänge Schritt – Trab ließ sie sich zeigen, um dann zu ihrem Auto zu gehen und eines ihrer Gebisse zu holen. Das wurde dann kurz umgeschnallt und die Prozedur des Vorreitens begann erneut. Und, hoppla, Überraschung bei der Redakteurin: Sichtbar änderte sich der Bewegungsablauf der jungen Stute. Sie fußte hinten deutlich anders ab, die Übergänge waren flüssiger – eine feine aber deutliche Veränderung, die man lediglich im Vergleich zwischen Vorher und Nachher wahrnehmen kann.
„Sie ist erstaunlich schnell im Umgang mit dem neuen Gebiss“, kommentiert Krajewski die Situation. „Oft dauert es länger, wenn sich ein Pferd mit einem anderen Gebiss auseinandersetzt.“ Dann geht sie erneut zu ihrem Auto, holt ein weiteres Gebiss und schnallt dieses ein. Jetzt kann man beobachten, dass sich die junge Stute deutlich mit dem neuen Teil im Maul beschäftigt. Aber auch hier sind die Übergänge fließender als mit der urspünglichen Zäumung. Kristina Krajewski rät dem Reiter zunächst das erste ausprobierte Gebiss zu verwenden – das zweite ermögliche zwar exaktere Zügelhilfen, doch könne man, wenn sich das Pferd an das erste Gebiss richtig gewöhnt habe, dieses später durch das Zweite optimieren.
Und jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, an dem die Redakteurin einsieht, dass es nichts zu schreiben gibt, wenn sie nicht den für alle Teilnehmer einer Gebissberatung verpflichtenden theoretischen Teil d.h. das Webinar besucht.
„Voraussetzung für eine qualifizierte Gebiss-Beratung ist das Ausfüllen eines Formulars, in dem ich Details zum Pferd und seinem Verhalten abfrage“, erklärt Christina Krajewski. „Außerdem erbitte ich im Vorfeld der eigentlichen Beratung und de, Ortstermin ein Video, damit ich mir schon im Vorfeld ein Bild von Pferd und Reiter machen kann, eventuell auch schon Probleme erkenne.“
Dann folgt ein Webinar, an dem in diesem Fall neben den Gebiss-Interessenten auch die Stallgeflüster-Redakteurin teilnimmt. Nach kurzer Begrüßung folgt ein rund eineinhalbstündiger Vortrag über die Funktion des Gebisses, Vermeidungsstrategien von Pferden, denen ein Gebiss unangenehm ist und die Vorstellung der Wirkung einiger Gebisse auf das Pferdemaul. So erläutert die Fachfrau beispielsweise, dass eine einfach gebrochene Wassertrense gar nicht so harmlos ist, wie manch einer glaubt. Im Pferdemaul wirkt sie scherenartig, d,h. die Seitenteile klappen nach unten zusammen und wirken auf die Laden, während das Mittelstück oben im Gaumen drückt. Auch so manches vom Hesteller als ergonomisch bezeichnete Gebiss sei bei näherer Betrachtung gar nicht mehr ergonomisch, wenn der Zügel eingeschnallt ist und es sich im Maul dem entsprechend dreht. Oberstes Ziel eines für das Pferd möglichst angenehmen Gebisses, das eine korrekte Anlehnung und damit das Federn der Bewegung durch den Körper ermögliche, sei eine möglichst gleichmäßige Auflagefläche, die keinen punktuellen Druck auf Kiefer, Zunge oder Gaumen ausübt.
Hier wird nicht verallgemeinert, sondern im Detail die Wirkung diskutiert und dem Zuhörer veranschaulicht, wie sich beispielsweise Vermeidungsstrategien des Tieres (Herausheben, Spielen, Sperren, Maul öffnen, sich hinter dem Zügel verkriechen, etc.) auf den Bewegungsapparat auswirken können. Auch ein Pferdeschädel kommt dabei zum Einsatz, damit der Zuhörer sich ein Bild von der Funktion bestimmter Gebisse machen kann, wenn diese nicht nur auf einer geraden Fläche liegen, sondern über den Zügel mit der Hand des Reiters verbunden sind.
Um 20.00 Uhr begann das Webinar – um 22.00 Uhr schwirrt der Stallgeflüster-Redakteurin der Kopf. Aber: Es gab viel zu lernen und verstehen – vor allem Dinge, mit denen man sich so detailliert noch nie auseinandergesetzt hatte. Ergebnis: Auch die ‚Stallgeflüster‘-Redakteurin gewinnt einen neuen Blick auf das Thema und versteht Christina Krajewskis Sorgen, dass aufgrund von Kommunikationsproblemen so mancher Reiter nicht merkt, wenn ein Pferd ein angenehmes Gebiss hat oder auch das Gegenteil. Ihren Anspruch: Ein Pferd muss sich sein Gebiss selbst aussuchen dürfen, denn jedes Tier ist anders, können wir gut nachvollziehen, denn schließlich muss der Schuh, der dem Nachbarn bequem ist, nicht unbedingt auch für mich der Passende sein.
Weitere Informationen:
www.contactkey.de
„Stallgeflüster“ / E. Stamm



