Stöpsel im Ohr – Hör-Sinn abgeschaltet
Menschen mit Knopf im Ohr gehören mittlerweile zum Alltagsbild. Sowohl im Straßenverkehr, beim Radfahren als auch beim Sport, wie Joggen, beim Einkaufen oder Hunde-Gassi – die Zahl der ‚Stöpsel-Träger‘ hat nach unserer Beobachtung deutlich zugenommen. Immer öfter begegnet man Menschen, denen anzusehen ist, dass sie derzeit irgendwo ganz anders sind, als in der gegenwärtigen analogen Welt. Das gilt auch für das Umfeld auf Reiterhöfen und unser Eindruck: Tendenz steigend.
Immer wieder begegnet man neuerdings in Reithallen dem Phänomen, dass man fragt ‚Tür frei?‘ und keine Antwort erhält – die Reiter in der Halle haben schlichtweg nichts gehört – sie haben den ’Stöpsel‘ im Ohr. Ihr Pferd unterdessen hat die Frage sehr wohl vernommen – schließlich sind Pferde Fluchttiere und reagieren blitzschnell auf Geräusche. Wohl dem, der ein ausgeglichenes Pferd unter dem Sattel hat, das sich nicht beeindrucken lässt.
Ebenso kritisch ein anderes Beispiel aus dem Alltag: Ein Pferd wird in einer Halle geführt, in der andere reiten. Plötzlich geht, was durchaus vorkommen kann, ein Pferd unvermittelt bockend durch und sein Reiter verlässt unfreiwillig das Tier. Der Führer des anderen Pferdes merkt davon nichts – er trägt Ohrstöpsel und hört nichts, kann also auch nicht vorbeugend auf die – auch ihm drohende – Gefahr reagieren.
Nur Pech gehabt? Oder berauben wir uns mit den ‚Stöpseln‘ wissentlich eines wichtigen menschlichen Sinnes, der nicht nur der Kommunikation untereinander dient, sondern auch dem Selbst-Schutz vor möglichen Gefahren.
Hinzu kommt die Wirkung auf unseren vierbeinigen Partner. Wie sich mittlerweile unter Pferdebesitzern herumgesprochen haben dürfte, sind diese extrem feinfühlig in Bezug auf die emotionale Befindlichkeit ihres Menschen – es entgeht ihnen auch nicht, wenn dieser ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt und zwar analog auf dem Pferd sitzt, aber tatsächlich mit seinen Gefühlen und Gedanken ganz wo anders unterwegs ist.
Eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom1 im Juli 2020 ergab, dass fast jeder zweite in Deutschland (46 Prozent) Ohrstöpsel besitzt, die nur per Kabel mit einem Wiedergabegerät verbunden werden können. Komplett kabellose Kopfhörer, sogenannte True-Wireless-Hörer, besitzt gut jeder Vierte (24 Prozent). Dahinter folgen Ohrstöpsel, die untereinander mit einem Kabel verbunden sind, aber kabellos mit einem Wiedergabegerät verbunden werden. Jeder Fünfte (19 Prozent) hat sie in Besitz. Ähnlich viele (18 Prozent) nennen Bügelkopfhörer ihr Eigen, die über der Ohrmuschel getragen werden und kabellos sind. Laut Bitkom planten damals rund 41 Prozent der Befragten einen Neukauf und, die Kopfhörer habe sich längst vom Gebrauchsgegenstand zum Lifestyle-Produkt entwickelt, so Bitkom.
So viel so gut. Das Hören von Musik kann durchaus entspannend wirken – gut für Reiter und Pferd bei der täglichen Arbeit. Doch, was passiert eigentlich mit dem, der sich von der Außenwelt mit den kleinen Stöpseln abschottet?
Dazu hat die IAG (Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung) bereits im Jahr 2013 eine Untersuchung zum Tragen vom Kopfhörern im Straßenverkehr durchgeführt. Das Ergebnis erschreckend:
„Es zeigte sich, dass sich die Reaktionszeiten unter Musikeinfluss deutlich verlängern im Vergleich zur Kontrollbedingung ohne Musik.
Bei den Bedingungen „ohne Musik“ und „mit leiser Musik“ wurde darüber hinaus jeweils fünf Mal gar nicht reagiert. Beim Hören lauter Musik reagierten die Testpersonen 30 Mal überhaupt nicht.
Natürlich hängt die Reaktionszeit von der Lautstärke des Verkehrsgeräusches ab. Auf ein lautes, impulsartiges Geräusch wie ein Martinshorn wird schneller reagiert als auf ein leiseres Geräusch wie ein vorbeifahrendes Auto. Erwartungsgemäß ist die Verlängerung der Reaktionszeit bei lauter Musik höher als bei leiser Musik, aber auch bei der leisen Musik gab es Verlängerungen der Reaktionszeit von über 50 %.
Es ist davon auszugehen, dass die Reaktionen im realen Verkehr noch stärker verzögert sind und Geräusche noch häufiger überhört werden, da die Versuchspersonen im Experiment instruiert waren, sich auf die Verkehrsgeräusche zu konzentrieren. Von einer derart gerichteten Aufmerksamkeit kann man im Straßenverkehr nicht ausgehen.“
Wer also die kleinen Stöpsel nutzt, der hört entweder gar nicht, oder seine Reaktionszeit ist deutlich verlängert – eine Situation, die im Umgang mit den Vierbeinern durchaus gefährlich werden kann.
Eine gesetzliche Regelung, für das Tragen von Ohrstöpseln beim Umgang mit dem Pferd gibt es nicht. „Allerdings wird über die Grundsätze der Tierhalterhaftung, des Mitverschuldens und der Verkehrssicherungspflichten reguliert. Gerichte bewerten die akustische Abschottung regelmäßig als mitverantwortlichen Faktor, der Haftungsansprüche mindern kann,“ erklärt die zu diesem Thema befragte Rechtsanwältin Daniela Lemke.
So ist es zum einen für den Partner Pferd nicht wirklich angenehm, wenn er sich von ‚seinem‘ Menschen, den er täglich nur für wenige Stunden sieht, nicht wahrgenommen fühlt – zum anderen kann im Schadenfall ein Mitverschulden des ‚Stöpsel‘-Trägers nicht ausgeschlossen werden.
Da kann man für unsere Vierbeiner nur hoffen, dass sie künftig von ‚ihren‘ Menschen – auch denen, die sich gerne hinter den ‚Stöpseln‘ verschanzen, wieder als Partner wahrgenommen werden, mit denen es sich lohnt zu kommunizieren.
„Stallgeflüster“ / E. Stamm



